B i o g r a p h i e
       
  Von einem Beruf zum anderen

Als Kind wollte ich alle Sprachen lernen. Ich dachte, jede würde helfen, gewisse Aspekte der Welt zu verstehen, und je mehr man beherrsche, desto mehr nähere man sich einer globalen Kenntnis. Ich strengte mich sehr an, musste aber erkennen, dass es mir nie gelingen würde, den Inventar der Welt zu erstellen, von dem ich träumte, wie auch immer die Mittel dazu sein mochten.

An den Wänden meines Teenagerzimmers hingen Fotos aus Life Magazine, und ich besuchte während der Gymnasialzeit alle Vorführungen des Filmklubs. Fotoreporter und Filmregisseur (damals fast ausschliesslich männliche Berufe), so wie Antonioni und Kurosawa, schienen mir die interessantesten Zukunftsaussichten. Welten entdecken oder gestalten. Aber das schien so unerreichbar wie Astronaut zu werden. Ich studierte also Geisteswissenschaften, widmete mich mit dem Studium der Literatur und der Sprachen und interessierte mich für die Art und Weise, wie sie die Dinge bezeichnen, uns helfen zu verstehen, Gedanken zu strukturieren und zu kommunizieren. Ich besuchte fleissig Theater, Kinos und Ausstellungen. Aber nach einigen Jahren hatte ich den Eindruck, in einer Papierwelt zu leben, abgeschnitten von der Realität. Ich verliess die Universität schwanger mit einem Phil-I-Master.

Meine beiden Kinder wurden in weniger als zwei Jahren geboren, was mich auf den Boden der Realität zurückbrachte. Es war eine grosse Freude, sie aufzuwachsen zu sehen und mit ihnen die Welt neu zu entdecken. Aber ich fühlte mich zu Hause sehr eingeschränkt und einsam. Ich begann zu unterrichten und lernte mehrere Berufe, für die ich mir das Wissen und Können zusammensuchte, wo immer ich konnte. Gewisse Aktivitäten brachten nichts ein, andere ein wenig und einige verursachten vor allem Kosten. Die Übersetzung des „Skorpionsfisch“ und die Zusammenarbeit mit Nicolas Bouvier stellten eine wichtige Etappe in meinem Leben dar.

Ich übte nacheinander und gleichzeitig mehrere Berufe aus. Türen öffneten sich und schlossen sich zum Teil auch wieder. Hindernisse schoben sich in den Weg, aus meist nicht ersichtlichen Gründen, und Begegnungen halfen mir weiter. Aber wer weiss schon, was das Leben hinter unserem Rücken ein- oder ausfädelt. Zu gewissen Zeiten muss man die Flaute akzeptieren, manchmal kann man mit dem Wind segeln, und oft muss man rudern.

Nachdem gewisse Projekte in der Schublade gelandet waren und der Einbruch des digitalen Zeitalters eine Bilderflut ausgelöst hatte, wurde mir klar, dass die Fotografie nichts einbringen würde. Das Beste war, wieder an meine Erfahrung der Malerei anzuknüpfen, ganz persönliche Bilder zu schaffen und die Sujets reifen zu lassen. Aber wir kommen sowieso nicht schneller vorwärts als unser Gehirn oder Herz.

Die Fotografie gehört zu meinem Leben. Sie begleitet mich überall hin. Je mehr ich sie praktiziere, desto mehr eröffnet sich mir ihre Komplexität, auch wenn ich spontan und mit leichtem Material arbeite. Die Welt ist überall eigenartig, berührend oder beängstigend genug, um mich in Erstaunen zu versetzen. Ich passe den Moment ab, wo ich in eine ganz spezielle Atmosphäre gleiten kann und versuche Fotos zu machen, die einen Glanz und die so etwas der wie eine zusätzliche Tiefe, Vertikalität oder Horizontalität durch das Papier oder den Bildschirm scheinen lassen. Alle meine Sujets ausser „rosebud“, entstanden nach dem Tod meines Sohnes, brauchten Zeit, um ihren Ausdruck zu finden und ein kohärentes Ganzes zu bilden.

Als ich vor einigen Jahren das Leben auf einer Alp fotografierte, wurde mir klar, dass Bilder das, was ich zeigen wollte, nicht wiedergeben konnten. Ich kaufte mir also eine Videokamera, um die Personen (und Tiere) zu Wort kommen zu lassen und die Ereignisse und Erlebnisse durch und die Kombination von Bild und Wort und den Rhythmus des Schnitts wiedergeben zu können. So wurden Foto und Film, meine ersten Leidenschaften, zu meinen letzten Berufen.
 
Barbara Erni, 2014